Glockenguss für die Butzower Dorfkirche

„Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht …“1

Die kleine Glocke ist schon fertig

Es dauert nur wenige Minuten, bis die flüssige Bronze die Glockenform bis zum Rand gefüllt hat. Der Glockenguss ist für die Gießer jedes Mal ein besonderer Moment voller Konzentration und des perfekten Zusammenspiels der Beteiligten. Und für die Zuschauer ist es ein handwerklich hochinteressantes, feierliches und unvergessliches Erlebnis!

Die zur Kirchengemeinde am Beetzsee gehörige Dorfkirche in Butzow musste im Ersten Weltkrieg die große Bronzeglocke von 1697 unwiederbringlich abgeben. Es blieb die Kleine, 1876 in Laucha gegossene Bronzeglocke. Als Ersatz für die große Glocke wurden in den 1920er Jahren gleich zwei Eisenhartgussglocken beschafft, so dass ein Dreiergeläut entstand. Eisenhartgussglocken haben jedoch nur eine begrenzte Lebensdauer von 70 bis 100 Jahren. Es besteht die Gefahr, dass sie wegen innerer Korrosion beim Läuten zerspringen. Die beiden Butzower Eisenhartgussglocken wurden deshalb 2014 im Zuge der Turmsanierung stillgelegt. Völlig unerwartet erhielt die Gemeinde im Frühjahr 2023 eine großzügige Spende für zwei neue Bronzeglocken „mit allem drum und dran“ (siehe das Porträt über das Spenderehepaar Adelheid und Peter Block in Alte Kirchen Juni 2024).

Die Kirchengemeinde wählte im Frühjahr 2024, gestützt auf das engagierte Votum der Dorfbewohner, unter sieben vorgeschlagenen Geläutdispositionen das „Tedeum“ (des“, e“, ges“) aus. Es ist der Beginn eines gregorianischen Choralgesangs. Die Bestandsglocke wird künftig den tiefsten Ton zum Geläut beitragen. Als Inschrift für die beiden neu zu gießenden Bronzeglocken wurde deshalb „Te Deum laudamus“ (Dich Gott loben wir) bestimmt, dazu das Siegel der Kirchengemeinde und die Namen der Spender.

Es gibt nur noch wenige Glockengießereien in Deutschland. Beauftragt wurde Anfang 2025 die Gießerei Rincker, seit Generationen im Städtchen Sinn im nordhessischen Lahn-Dill-Kreis ansässig.

Ein Glockenguss findet immer freitags statt. Die Kirchengemeinde und die Gießerei hatten Freitag, 26. September 2025, 13 Uhr, für den Guss der Butzower Glocken bestimmt. Es war eine fünfköpfige Delegation der Kirchengemeinde am Beetzsee nach Sinn gereist. Geschäftsführer Holger Schmidt begrüßte die Gäste um Punkt 12.30 Uhr und führte sie in die Werkshallen.

Gleich zu Beginn die große Überraschung: Die kleinere der beiden Glocken hing bereits fertig an der Kette des Hallenkrans. Obwohl noch nicht ganz vom Zunder befreit, zeigte sie schon ihre mattglänzende, warmsilberne Oberfläche. Die Inschriften und das Kirchensiegel ließen sich gut lesen und man konnte der Glocke durch Klopfen mit dem Knöchel auch schon einen leisen Ton entlocken.

Holger Schmidt erläuterte „Jede Glocke ist ein handgefertigtes Unikat, denn die Form muss zerstört werden, um die Glocke freizugeben.“ Friedrich Schiller dichtete „Wenn die Glock soll auferstehen, muss die Form in Stücke gehen.“ Die Form besteht aus vier in Handarbeit aus Lehm hergestellten Teilen: dem Kern, der „Falschen“ Glocke, dem Mantel und der Kronenform.

Guss der größeren Glocke

Der Kern ist die Form der Glockeninnenfläche. Er wird zunächst aus Lehmziegeln gemauert. Dann werden Schichten von immer feinerem Lehm aufgetragen. Die Falsche Glocke wird auf den Kern ebenfalls in mehreren Lehmschichten aufgebracht. Sie entspricht einschließlich der Zierringe und Inschriften exakt der späteren Bronzeglocke. Für die Herstellung des Kerns und der ‚Falschen Glocke’ werden um die Glockenachse rotierende Schablonen verwendet. Auf die Falsche Glocke werden schließlich freigeformte Lehmschichten aufgebracht, die den Mantel bilden. Auf beiden Seiten der ‚Falschen Glocke’ befinden sich Trennschichten, die es nach dem Durchhärten der Lehmteile erlauben, den Mantel hochzuziehen und die Falsche Glocke vorsichtig vom Kern abzuschlagen. Danach wird der Mantel wieder herabgelassen. Der Hohlraum zwischen Kern und Mantel bildet dann die exakte Glockenform. Schließlich wird noch die getrennt vorbereitete Lehmform der Glockenkrone auf den Mantel aufgesetzt. Das traditionelle Lehmformverfahren braucht viel Zeit. Jede Lehmschicht muss trocknen, bevor die nächste aufgetragen werden kann.

Um 13.05 Uhr hatte die Bronze im Schmelzofen 1.050 Grad Celsius erreicht. 1.100 Grad Celsius sind notwendig für den Guss. Pfarrer Hartmann rief in seiner kurzen Ansprache in Erinnerung, durch welche Fügung die Kirchengemeinde zu den beiden neuen Glocken gelangt ist, dankte den Spendern und sprach ein Gebet. Um 13.18 Uhr zeigte das Ofenthermometer 1.121 Grad Celsius. Höchste Zeit für den Guss! Die durch Helm, Visier und silberne Schürzen geschützten Gießer holten das flüssige Metall in einer am Hallenkran hängenden glühenden Kokille aus dem Ofen. Glockenbronze ist eine Legierung aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn. Da schon ein wenig Zinn verdampft war, warf der Gießer noch eine Handvoll Zinngranulat in die Glut, denn die Legierung muss exakt stimmen. Dann kippten die Helfer die Kokille vorsichtig so an, dass die Bronze in die Trichteröffnung oberhalb der Glockenkrone einlaufen konnte. Der Gießer achtete darauf, dass der Guss in einem schnellen und gleichmäßigen Zug erfolgt. Es ist deshalb ein wenig mehr flüssiges Metall in der Kokille als für das Füllen der Form benötigt wird. Über die sogenannten Pfeifen entweichen die heißen Gase mit einem kleinen Feuerwerk aus der Form. Der Guss ist fertig. Das Schauspiel ist zu Ende.

Hans Tödtmann

1 aus: Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke

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