An der Kirchenstraße Elbe-Elster
Zu Besuch in Kosilenzien

Im Förderkreis Alte Kirchen sprechen wir selten über die Kirchen im Landkreis Elbe-Elster. Bestimmt liegt es mit daran, dass wir von dort nur wenige Anträge erhalten, auch weil wir für diesen fern von Berlin gelegenen Landkreis bisher keinen Regionalbetreuer gefunden haben. Ist unser Angebot somit weniger vor Ort bekannt? Umso neugieriger war ich, als ich die Einladung zur Dankesfeier für die vollendete Sanierung der Kirche von Kosilenzien am 19. September 2025 wahrnehmen durfte. Der Förderkreis Alte Kirchen hatte die Sanierung mitgefördert. Dort begegnete ich Pfarrer Michael Seifert aus Wahrenbrück und einer höchst engagierten Einwohnerschaft.
Die alte Kirche von 1597 war 1812 abgebrannt und die Nachfolgerin stürzte kurz vor ihrer Vollendung im Jahr 1816 zusammen, sodass 1817 ein kompletter Neubau entstand. Innen ist sie hell und freundlich. Es gibt Emporen und einen klassischen, schlichten Kanzelaltar. Die Orgel der Firma A. Voigt aus Bad Liebenwerda wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und verfügt über ein Manual und ein Pedal. 2010/2011 wurde sie instandgesetzt. Im Krieg verlor die Kirche beide Glocken, die 1880 von den Gebrüdern Ulrich aus Apolda gegossen worden. Heute läuten eine Glocke von 1921 und eine Stahlgussglocke von 1954 die Gemeinde zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen zusammen. 1955 war zuletzt das Innere der Kirche restauriert worden, 1980 die Außenhülle. Das Gemeindehaus neben der Kirche wird in der kalten Jahreszeit genutzt. Projekte mit Kindern und Jugendlichen werden zusammen mit dem örtlichen Heimatverein durchgeführt.
Als man sich im Jahr 2020 eigentlich nur mal den Dachstuhl genauer anschauen wollte, lagen danach geschätzte Kosten für eine Sanierung in Höhe von ca. 400.000 Euro auf dem Tisch. Der gesamte Dachstuhl musste erneuert werden, auch die Fenster, und auch das Mauerwerk musste trockengelegt werden. Es wurde eine Toilette in das Gemeindehaus eingebaut und auch dessen Dachstuhl brauchte Unterstützung. Der Großteil der Kosten wurde schließlich aus dem EU-Programm LEADER finanziert, mit dem Ziel, Kosilenzien zu einer „Gedächtniskirche“ werden zu lassen. Hier ist nun eine Ausstellung über das Leben im Dorf und seine Bräuche geplant, darüber, wie die Festtage im Kirchenjahr, Bestattungen, Hochzeiten gefeiert werden und wurden – damals und heute. Dazu gehört auch, dass seit Jahrzehnten in Kosilenzien zu Weihnachten von der Gemeinde selbst organisierte Krippenspiele stattfinden. Dann ist die Kirche voll. Bei etwas weniger als 200 Einwohnern sind 46 Gemeindeglieder immerhin etwa 25 Prozent Kirchenmitglieder im Ort! Dabei ist die Gemeinde stolz auf ihre Selbständigkeit. Anders als bei der Landeskirche EKBO, die von Gemeinden mindestens 300 Mitglieder fordert, verlangt die Landeskirche EKM, zu der Kosilenzien gehört, nur mindestens vier gewählte Gemeinderatsmitglieder. Beim geselligen Zusammensein nach der Andacht wurde deutlich spürbar, dass es in Kosilenzien Menschen gibt, die sich kümmern und ein aktives, organisiertes Dorf gestalten. Die Kirchengemeinde hat ein kleines Gemeindezentrum, die Dorfgemeinde ein größeres und natürlich gibt es auch die Freiwillige Feuerwehr. Alle drei liegen nebeneinander. Gegenüber befindet sich auch noch eine Gaststätte, auf die man besonders stolz ist, denn welches Dorf hat sie noch?
Wer sich einmal auf die Kirchenstraße Elbe-Elster begibt und den Weg 4 befährt, der wird auch Kosilenzien erreichen und hier gerne Halt machen.
Was ist gleich noch die „Kirchenstraße Elbe-Elster“?

Es lohnt sich, sie zu entdecken: Dem Verein Wald- und Heideland e.V. gelang es 2008, ein für die Region und die Darstellung seiner geschichtlichen Entwicklung wichtiges Projekt zu entwickeln und für eine mögliche Förderung aus EU-Mitteln des LEADER-Programms vorzubereiten. Am 21. Oktober 2009 wurde das Projekt bewilligt und im Dezember 2011 erfolgreich abgeschlossen. Im Anschluss wurde ein weiteres Projekt aus dem LEADER-Programm bewilligt, dass der Erweiterung der Kirchenstraße diente. Wesentlicher Inhalt des Projektes „Kirchenstraße Elbe-Elster“ war, die Dorfkirchen als ursprünglich erste „Gemeindehäuser“ aus der Vergessenheit zu holen und über sie die geschichtliche Entwicklung der Region wieder erlebbar zu gestalten. Um in diesem Projekt mitwirken zu können, erklärten sich 25 Kirchengemeinden, zu denen 45 Kirchen der Region gehören, bereit, Mitglied im Verein Wald- und Heideland e.V. zu werden. Neun Routen, die jeweils mehrere Dörfer und Kirchen ansteuern, wurden festgelegt und zusätzlich thematisch als Themenwege unterlegt. Besucherinnen und Besuchern sollten so Anleitungen geboten werden, Wissenswertes über die Sakralbauten im Wandel der unzähligen gesellschaftlichen Umbrüche ab dem 13. Jahrhundert zu erfahren. Sie lernen die Baugeschichte der ländlichen Kirchen kennen und bekommen auf diese Weise einen Einblick in die Orts- und Regionalgeschichte. Damit kann die Vielfalt und Schönheit der sakralen Architektur dieser Region bekannter werden. Die zahlreichen Aktivitäten in den Gemeinden um den Erhalt der Kirchen und die Pflege des christlichen Glaubens haben eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit absolut verdient. Es finden Konzerte und Ausstellungen statt, aber auch die Graun-Festtage in Wahrenbrück, wo die Musiker- und Komponistenbrüder Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun geboren wurden. Und natürlich integrieren sich diese Aktivitäten in das Dorfleben und geben zahlreiche Impulse und Begegnungsanlässe. Innerhalb des Projektes wurden ungefähr 100 Kirchenführerinnen und Kirchenführer ausgebildet. Das Projekt leistete und leistet noch heute eine wichtige Arbeit bei der Förderung des religiösen Lebens und beim Erhalt kulturhistorisch wertvoller Traditionen der Region Wald- und Heideland und darüber hinaus. Kirchen und Kirchengemeinden werden im Landkreis Elbe-Elster vielleicht stärker als anderswo als Entwicklungsfaktor auf dem Lande gesehen. Einige der Kirchen sind täglich geöffnet, bei anderen muss man sich anmelden.
Bei Pfarrer Michael Seifert aus Wahrenbrück laufen viele Fäden zusammen. Er ist sehr gut vernetzt. Er hat die Kirchenstraße Elbe-Elster mit angestoßen, hat schon früh die Potentiale des LEADER-Programms erkannt und viel für die Renovierung der Kirchen seines Sprengels getan. Im bevorstehenden Ruhestand will er sich noch mehr der Kirchenstraße widmen, denn jede Idee, jede Struktur muss ja immer wieder mit Leben gefüllt werden. Außerdem gehen die LEADER-Mittel im Landkreis Elbe-Elster von 25 Millionen auf derzeit 10 Millionen Euro zurück.
Philipp Schauer, Anne Haertel
