Neue Krone rettet Knippelsdorfer Glocke
Die aufwändige Restaurierung eines Kulturdenkmals

Knippelsdorf liegt inmitten weiter Felder im nördlichen Zipfel des Landkreises Elbe-Elster zwischen Schönewalde und Dahme/Mark. Die Dorfkirche steht inmitten des Dorfes auf dem langgezogenen, von Linden gesäumten Anger. Die Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet. Die Mischung von grob behauenen Feld- und Raseneisensteinen gibt den Fassaden ein rustikales Bild. Aus der Gotik ist das spitzbogige Ziegelportal in der Südfassade erhalten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Innenraum der Kirche umgestaltet. Auch der heutige schlanke Turm wurde, wie die Wetterfahne bestätigt, erst 1846 angefügt.
Der Turm muss aber einen Vorgängerbau gehabt haben, denn die ältere der beiden Glocken wurde 1590 von Meister Heie Westfalen gegossen. Da die Glockeninschrift neben dem Gießer auch den damaligen Pfarrer erwähnt, ist unstrittig, dass die Glocke für die Knippelsdorfer Kirche gegossen wurde. Sehr wahrscheinlich war Meister Heie einer der seinerzeit üblichen Wandergießer, der die Glocke vor Ort in einer Grube neben der Kirche in einer schon damals altmodischen, noch mittelalterlichen Form hergestellt hat.
Wir haben in Mitteldeutschland nicht mehr viele Glocken aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, zumal in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts viele Bronzeglocken für militärische Zwecke requiriert oder zerstört wurden. Die Knippelsdorfer Bronzeglocke ist daher ein hochrangiges Kulturdenkmal.
Jede Glocke hat eine Krone, die beim Glockenguss mitgegossen wird. Die Krone sitzt auf der Oberplatte der Glocke und dient deren kraftschlüssiger Befestigung an dem hölzernen Joch, um dessen Achse die Glocke beim Läuten schwingt.
Es ist unklar, wann und warum die Krone der Knippelsdorfer Glocke abgeschlagen wurde. Die Bruchstellen zeigten, dass die einstige Krone aus sechs Henkeln bestand. Nach dem Verlust der Krone hat man die Oberplatte der Knippelsdorfer Glocke mit vier Bohrungen versehen, um einen kräftigen Schwingbalken anzubolzen – eine riskante Art der Krafteinleitung. Obwohl die Gefahr der Bildung von feinen Rissen bestand, hat die ramponierte Glocke wohl mehrere Jahrzehnte ihren Läutedienst getan, ohne Schaden zu nehmen, bevor sie, um sie zu erhalten, 2011 stillgelegt wurde.
Im Frühjahr 2024 bat Pfarrer Michael Seifert den Förderkreis Alte Kirchen um eine finanzielle Unterstützung bei der Instandsetzung der historischen Glocke. Es sollte eine neue Krone nach altem Muster gegossen und der historischen Glocke aufgeschweißt werden. Nachdem eine Zimmererfirma Falltüren in die Holzdecken des Turms eingebaut hatte, konnte die Glocke Ende April 2024 von der in Luckau ansässigen Glockentechnik-Firma Walther zu Boden gelassen werden. Die in den 1930erJahren entwickelte Schutzgas-Schweißtechnik ermöglicht das Schweißen von Bronze. Nur wenige Glockengießereien beherrschen diese Technik. Der Auftrag ging an die in Innsbruck seit Generationen ansässige Firma Grassmayr. Die Firma erstellte eine Materialanalyse, denn man konnte 1590 noch keine reine Bronze herstellen. Heute enthält Glockenbronze 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn. Die Knippelsdorfer Glocke enthält jedoch weniger Zinn, dafür aber geringe Mengen an Blei und Antimon. Die neue Krone wurde in der historischen Legierung gegossen. Die Firma Grassmayr dokumentierte zudem das an den Bruchstellen der Kronenhenkel ablesbare Querschnittsprofil der Henkel.
Die für die denkmalgerechte Instandsetzung der Knippelsdorfer Glocke entscheidende Frage war trotz dieser Vorarbeiten, nach welchem Vorbild die Rekonstruktion der Krone erfolgen könnte. Es gibt kein Foto der Glocke vor dem Verlust der Krone. Das zuvor sächsische Knippelsdorf kam 1850 zu Preußen. Ein preußisches Inventar von 1891 beschreibt die Glocke im Kurztext, aber ohne Informationen zur Form der damals noch vorhandenen Krone. Christoph Schulz, Glockensachverständiger der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, startete eine Umfrage bei den Kollegen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Glocken aus der Hand des Meisters Heie sind dort aber nicht bekannt. Auch unter den mit Text und Foto dokumentierten Glocken der deutschen „Glockenfriedhöfe“ des 20. Jahrhunderts findet sich keine Heie-Glocke.
So blieb dem Glockensachverständigen nur der Weg der Rekonstruktion der Krone in Analogie zu einer erhaltenen zeitgenössischen Glocke. Christoph Schulz wählte eine von Eckehard Kücker 1575 in Erfurt gegossene Glocke aus dem Magdeburger Domgeläut. Firma Grassmayr schnitt die durch die Bohrungen beschädigte kreisrunde Oberplatte der historischen Glocke heraus und schweißte ein neu gegossenes, aus sechs Henkeln und einer neuen Oberplatte bestehendes Teil ein. Firma Walther ergänzte die instandgesetzte Glocke durch einen handgeschmiedeten Klöppel und ein Eichenholz-Joch.
Die Knippelsdorfer Bronzeglocke von 1590 kann nun nach fast 15-jährigem Verstummen wieder ihre Stimme erheben. Sie hängt neben der 1925 von Schilling und Lattermann in Apolda als Ersatz für eine im Ersten Weltkrieg eingeschmolzene Bronzeglocke hergestellten Eisenhartguss-Glocke. Im Zusammenklang mit dieser einen Ganzton tiefer gestimmten Eisenglocke bildet sie ein wunderschönes Geläut.
Die Knippelsdorfer Kirchengemeinde, Pfarrer Michael Seifert und auswärtige Gäste feierten Ende August 2025 dieses Ereignis mit einem Festgottesdienst in der Kirche und fröhlichem Zusammensein bei bestem Sommerwetter auf der Kirchwiese.
Hans Tödtmann