Die Zernikower Kinder erkunden ihre Dorfkirche
Foto: Thomas SommerEin Plädoyer für die abgelegenen Kirchen der Uckermark
Beim Stöbern in der Prenzlauer Buchhandlung Schulz fällt mir ein kleines Heftchen in die Hände, die Unkenpost. Auf dem Titelbild sind große und kleine Kinder zu sehen, warm angezogen. Sie stehen an einer sorgfältig geschichteten Feldsteinwand, jedes mit einem Zollstock und scheinen diese Wand abzulaufen. Da bin ich sehr neugierig geworden: Ist das eine Kirche, eine Kirche hier bei uns, was machen dort die Kinder?
Im Heft wird dann ausgeführt, der Verein zur Unterstützung und Sanierung der Kirche in Zernikow, vertreten durch Herrn Dr. Rudolf Volkmer, in Verbindung mit dem Verein Wissen für hier e.V., der die Unkenpost herausbringt, hat ein Konzept für Kinder entwickelt, indem es darum geht, Kinder für die Geschichte, die Ausstattung und Architektur zu sensibilisieren. Dazu gab es zusammen mit den Eltern einen Einführungstermin sowie weitere Termine zum Vermessen und Auswerten. Zernikow ist ein kleines Dorf mit circa 100 Einwohnern, etwa 15 Kilometer nordwestlich von Prenzlau in der Uckermark.
Neben dem Kinderprojekt gab es weitere Veranstaltungen in und an der Zernikower Kirche. Neben dem seit 2017 stattfindenden jährlichen Adventssingen gibt es das jährliche Turmfest, Konzerte mit der Uckermärkischen Kulturagentur sowie die Aufführung eines selbst entwickelten Singspiels.
Diese Veranstaltungen wurden durchgeführt, obwohl die Deckenbalkenlage und die darauf befindlichen Bohlenbretter stark sanierungsbedürftig sind. Um die Sicherheit zu gewähren gibt es seit vielen Jahren im Kircheninnenraum eine Stützkonstruktion aus Holz, die die Deckenbalkenlage sichert. Für die Nutzung der Kirche, die lange ein Schattendasein führte, mussten einige Aussteifungen und Streben der Holz-Stützkonstruktion verändert werden, sodass nun ein ungehinderter Zugang möglich ist, die Statik jedoch gewahrt bleibt.
Im Jahr 2015 wurde eine Schadenskartierung veranlasst, die schon damals erhebliche Schäden im Bereich der Auflager der Deckenbalken und der Bohlenbretterlage feststellte. Daraufhin bemühte sich die Kirchengemeinde um die Reparatur der Schäden. Die Denkmalbehörden forderten jedoch noch eine aktuelle, aussagefähige Voruntersuchung mit ausführlicher Bestandsdokumentation durch entsprechende Fachrestauratoren, die Grundlage für das denkmalrechtliche Erlaubnisverfahren werden sollte. Im Sommer 2025 untersuchte eine Restauratorengemeinschaft aus Rheinsberg den Kircheninnenraum, die Deckenbalkenlage mit den Bohlenbrettern sowie das Dachtragwerk. Das Gutachten zeigt, dass die Schäden weitaus größer sind als bisher bekannt und auch angenommen. Diese ausführliche Untersuchung fand auch heraus, daß der Bestand der Deckenbalkenlage und der Bohlenbretter noch in großen Teilen vom Ende des 14. Jahrhunderts ist, somit wohl noch bauzeitlich. Weiterhin wurden verschiedene farbige Gestaltungselemente, wie ein geometrischer Fries unterhalb der Decke oder geometrische fensterbegleitende Striche gefunden, von denen ausgegangen wird, dass sie wohl auch noch aus der Bauzeit stammen dürften. Das war eine Überraschung und änderte die Planungen komplett. Eine einfache Reparatur der Deckenbalkenlage mit den Schäden, wie ursprünglich angenommen und teilweise auch schon mit zugesagten Förderungen untersetzt, auch durch den Förderkreis Alte Kirchen, konnte so nicht umgesetzt werden.
Um die bisherigen Ergebnisse weiter zu vertiefen, wurde durch die Denkmalfachbehörde des Landes Brandenburg ein Bauforschungsprojekt mit der TU Berlin für die Dorfkirche Zernikow initiiert. Die drei Studenten Kaya Poyke, Felix Hofmann und Leo Holthaus übernahmen diese Aufgabe und waren dann im Frühjahr 2026 vor Ort. Mitte August 2026 wurden die Ergebnisse der drei Studenten im Gemeindehaus in Zernikow öffentlich vorgestellt.
Was ich besonders erfreulich fand, neben der Überraschung, noch so viel Mittelalter unverfälscht vor zu finden, war, dass sich drei Studenten bereit erklärt haben, diese Untersuchungen im weit abgelegenen, ländlichen Raum vorzunehmen.
Das muss ich wohl erklären: Ende der 1990er Jahre hatte ich ein Studium „Schutz Europäischer Kulturgüter“ an der Viadrina in Frankfurt/Oder belegt. In diesem Zusammenhang war die recht kleine Seminargruppe gemeinsam viel zu Exkursionen im Oderbruch und auch in den angrenzenden, polnischen Landschaften unterwegs. Die meisten meiner Kommilitonen wählten für ihre Arbeiten Themen im Oderbruch oder Berlin-nahen Raum. Oft hatte ich angeboten, Themen in der Uckermark, insbesondere in der nördlichen Uckermark zu wählen, die wohl seit den großen Inventarverzeichnissen vom Anfang des 20. Jahrhunderts keine weiteren großen wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Denkmalen mehr erfahren hat. Durch meine damalige berufliche Tätigkeit in der staatlichen Denkmalspflege kannte ich viele Denkmaleigentümer, die gern bereit gewesen wären, solche Arbeiten in vielfältiger Hinsicht zu unterstützen, u.a. auch, weil sie davon partizipierten. Es fand sich niemand. Auch nach der Frankfurter Zeit hatte ich Kontakt mit Hochschulen und warb mit der Uckermark. Vergeblich. In den letzten Jahren gab es ein mir bekanntes, weiteres Objekt, das im Rahmen einer studentischen Arbeit untersucht wurde, die Kirche in Wilmersdorf bei Angermünde. Wilmersdorf hat jedoch einen fußläufig zu erreichenden Bahnhof an der Bahnstrecke Berlin–Stralsund, der vom Dorf aus circa zwei Kilometer entfernt ist. Den gibt es in Zernikow so nicht. Nach Zernikow muss man wirklich wollen. Deshalb ist die Arbeit der drei Studenten, die so abgelegen ist, so wertvoll.
Weil mir die Berücksichtigung der soweit abgelegenen Orte mit ihren Denkmalen so wichtig ist, habe ich das in meiner Empfehlung für die Förderung des Vorhabens an den Vorstand des Förderkreises Alte Kirchen auch dahin gehend ganz besonders betont. Mit diesen Förderungen, mit ihren Spenden werden auch die abgelegenen, eher unbeachteten Denkmale mit unterstützt und neben dem Erhalt unserer Dorfkirchen wird mit den Förderungen auch der soziale Zusammenhalt der Dorfgemeinschaften gefördert.
Thomas Sommer